Eine neue Interpretation eines der ältesten Texte des Altpreußischen

Petrus Wickeraus altpreußische Verse von 1440

Sachlicher Hintergrund

In seiner Lesung und Neuinterpretation von Wickeraus fünfundzwanzig altpreußischen Worten konnte der Greifswalder Baltist Stephan Kessler nachweisen, dass es sich bei ihnen um ein Gedicht handelt. Das Gedicht findet sich am Ende einer Abschrift eines lateinischsprachigen Werkes, die Petrus Wickerau 1440 auf Kreta abschloss. Über den Abschreiber ist nichts Näheres bekannt. Sein eigenwilliger altpreußischer Zusatz unter das von ihm abgeschriebene Werk war zwar bereits früher von Fachleuten bemerkt worden, konnte jedoch lange Zeit keiner Sprache zugeordnet werden. 

Wickerau spricht in seinem Gedicht einen unbekannten Adressaten an. Kessler vermutet, dass es sich um die Person handeln könnte, die Wickerau den Auftrag zur Abschrift erteilte. Jedenfalls kannten sich Wickerau und der Adressat besser, denn in Wickeraus Gedicht heißt es: „du verlangtest nach meiner Liebe, / allein, du führtest nicht meine Zustimmung herbei.“ Wie Wickerau weiter dichtet, habe sich der Angesprochene wegen der Zurückweisung „ein Stück weit getötet“. Er rät ihm aber, deshalb nicht „im Leinengewand“, also wie ein leidender Büßer, dazustehen, sondern sich zum Singen unter eine Linde zu stellen. Und Wickerau fasst zusammen: „Zwei falsche Pferde scheuen das Jagen.“ Damit will er bildlich ausdrücken, dass zwei Menschen, die nicht zusammenpassen, gemeinsam nichts erreichen werden. Von seiner Art her fällt das Textdenkmal aus dem Rahmen heraus, in dem sich die übrigen Texte des Altpreußischen bewegen.

Lesung des altpreußischen Kolophons

Á ton naigé maian méilian  
áin ne wedé maian wáitian/wártian

Tiáu te ne stónais popiévns sen  
ábdon lenái galei tá gai

Stónais po léipen zaidiántei/gaidiántei  
áklia redá bia te médde

Übersetzung ins Deutsche

Ach, du verlangtest nach meiner Liebe  
allein, du führtest nicht meine Veränderung/Zustimmung herbei. 

Doch stehe hier nicht, der du dich ein Stück weit getötet hast,  
aus ebendem Grunde im Leinengewand (da)! 

Stehe zum Singen/Spielen unter der Linde!  
(zwei) falsche Pferde scheuen hier die Jagden.

Grafische Darstellung des Interpretationswegs

Vorausgegangene Publikation

Kessler, Stephan / Mossman, Stephen (2013), »Ein Fund aus dem Jahre 1440: Ein bisher unbekannter Text in einer baltischen Sprache«, in Archivum Lithuanicum 15, S. 511–534. (Open-Access-Publikation, Download hier.)